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Nach langem hin und her überlegen, habe ich mich nun doch entschieden auch meine Geschichte aufzuschreiben. Tja, wie war das damals als alles anfing? Schwer, ganz schwer da den richtigen Anfang zu finden, aber ich werde mich bemühen mich so kurz wie möglich zu fassen. Ich habe mich schon als sechs Jährige immer über den „ Eckes Edelkirsch“ vom Besuch meiner Eltern hergemacht, also über die Reste im Glas wenn sie nach einer Runde oder auch zwei drei warm saufen in die Kneipe marschierten. Ich fühlte mich dann immer recht komisch, aber auch besser. Ihr müsst wissen- ich war ein Nachkömmling und hatte sechs Geschwister und damals hat man sich wohl gesagt „ na die kriegen wir auch noch irgendwie groß“. Ich spürte wohl, dass ich eigentlich nicht mehr geplant und vor allem gewollt war. !!!! Ich resultiere für mich daraus: Schon als kleines Mädchen war mir bewusst, dass ich immer auf mich aufmerksam machen musste. Das hatte natürlich zur Folge dass ich eine Nervensäge in den Augen meiner Eltern und Geschwister war. Wenn irgendwelche Dinge in unserem Haushalt verschwanden oder etwas zu Bruch ging war es immer die „Kurze“.
Mein Vater war sehr streng. Wenn er richtig „ gut“ drauf war schnitt er mir die Haare so kurz, dass ich mit Kopftuch in die Schule ging. Allerdings mussten auch meine Geschwister durch diese Prozedur. Strafe und Haare ab gab es reichlich, aber in den Arm nehmen oder mal ein Lob gab es selten. Er starb als ich 11 Jahre alt war und meine Mutter stand mit 3 Minderjährigen und 4 „erwachsenen“ Kindern allein da. Geld fehlte, Alkohol war im Spiel und von einem liebevollen Umgang miteinander kann nicht die Rede sein. Um das Ganze hier nicht ausschweifen zu lassen möchte ich einfach mal zusammen fassen was ich über das Ganze heute denke. Jedes Kind braucht Liebe, Zuspruch, Vertrauen, Aufmerksamkeit, Hilfestellung in allem was es nicht versteht. Und ganz wichtig für mich! Jedes Kind möchte Kind sein dürfen und so anerkannt sein wie es ist. Meine Eltern waren damals nicht in der Lage weil sie es nicht besser wussten. Sie wurden gegen Ende des zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimat vertrieben und hatten nichts mehr. Sie haben so gelebt wie sie meinten es richtig zu tun und wie es ihnen selbst vorgelebt wurde. Ich gebe ihnen nicht die Schuld an meiner Sucht, sie wussten es nicht besser. Wie oft habe ich mir als Kind gesagt „wenn ich mal Kinder habe ….“ „ ich werde alles anders machen…..“. Mache ich auch SEID ICH TROCKEN BIN!!!!!!! Natürlich habe ich meinem Kind anderen Schaden zugefügt als meine Eltern mir, aber die Seele meines Kindes hat mit Sicherheit genauso gelitten wie meine damals. Ich war ihr gegenüber ungerecht als ich trank. Ich bin betrunken auf Schulfesten aufgetaucht und ihr war das mehr als peinlich. Ich habe geschrien wo es gar nichts zu schreien gab und habe sie im Alter von drei Jahren über 1 Std. in der Badewanne allein gelassen weil ich völlig abgefüllt auf dem Sofa lag. Es zerreißt mir heute noch das Herz wenn ich an die Autofahrten mit ihr denke. Total zugeknallt und wie von Sinnen habe ich wirklich geglaubt man merke mir den Alkohol nicht an. Ich bin nur nie angehalten worden sonst hätte man mich eines Besseren belehrt. Es war und ist für mich das Schlimmste überhaupt das ich meiner Tochter in ihrer Kindergarten und Grundschulzeit eine schlechte und von Minderwertigkeit geplagte Mutter war. Erst nach dem ich ca.1 Jahr trocken war und ich ihr eine „ gute“ Mutter vorlebte begann sie mir wieder zu vertrauen. Puh….da kommt ganz schön viel hoch, aber ich glaube es ist an der Zeit das alles hier mal zu Papier zu bringen.
Ich lese sehr viel. Es handelt sich meist um autobiographische Bücher. Ich habe viele Erfahrungsberichte von Menschen gelesen, die wirklich Schlimmeres erlebt haben als wir es uns vorstelle können. Vor diesen Menschen, die den Mut aufbrachten ihr Leben und die damit verbundenen Erlebnisse aufzuschreiben und öffentlich zu machen ziehe ich meinen Hut. Meistens haben sie den Weg ins Leben zurück gefunden und es stärkt mich sehr wenn ich solches lese oder auch im Fernsehen sehe. Es sagt mir: Es gibt immer einen Weg und es geht immer weiter. Das Leben bleibt nicht stehen und wartet nicht darauf, dass wir in die Hufe kommen. Wir sind die, die unser Dasein gestalten und kein anderer kann dies für uns tun. Wenn wir uns nicht bewegen dann setzt sich eine Gegenkraft in Bewegung der wir meistens nicht gewachsen sind. Gerade ich als Alkoholikerin bin mir dessen sehr bewusst. Ich gebe zu, der Weg zur zufriedenen, trockenen Alkoholikerin war und IST schwer. Trocken bin ich jetzt gute 5 Jahre, aber zufrieden??? Nein, nicht wirklich! Ich kämpfe immer noch gegen etwas an, dass tief in mir vergraben ist .Es steckt in mir drin und ich habe es so tief verbuddelt das momentan noch nicht mal der beste Archäologe es finden würde. Kann er auch nicht, denn dazu müsste er wissen wonach er denn sucht. Auch nach 5 Jahren weiß ich recht wenig über mich. Ich bin schon ich, aber manchmal eben nicht. Es ist als ob da noch jemand in mir wohnt und ich mag den nicht!!!!!! Ich gehe mal davon aus es sind Gefühle die lange unterdrückt wurden und jetzt nach so langer Abstinenz an die Oberfläche schwimmen. Früher oder später werde ich wohl mitschwimmen müssen. Dann wird der Archäologe auf Wasser gestoßen sein in dem der ganze seelische Müll rum schwimmt. Mal sehen, vielleicht mache ich dann mein Goldabzeichen
Tja, so sieht es aus. 5 Jahre trocken und noch lange nicht alles gelernt. Aber es hat mir sehr gut getan euch meine Sicht der Dinge zu schildern und hoffe doch inständig, dass ein paar Sätze in diesem Text den Weg zu euch gefunden haben. Vielleicht findet sich der Ein oder Andere sogar darin wieder. Ganz bewusst habe ich nicht den Werdegang eines Alkoholikers beschrieben, denn dass ich Alkoholikerin bin weiß ich, aber was in mir ist und warum es so ist weiß ich das? Wir alle sollten uns viel mehr Gedanken über uns und unsere Gefühle machen. Es geht nicht um den Alkohol es geht um das drum herum. Um das was uns dazu brachte oder bringt zur Flasche zu greifen. Wir sollten versuchen unsere Ängste zu überwinden und uns dem in den in den Weg stellen was versucht uns kaputt zu machen.
Es ist keine Schande Alkoholiker oder von sonst was abhängig zu sein, aber es ist eine Schande nichts dagegen zu tun!
Anita Bongardt
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